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Drucken 02.08.2003

Das All ist rund

Designer, Philosoph, Schöpfer und ganz besonders: wilder Mann – Luigi Colani, vor dessen Entwürfen nichts sicher ist, wird 75 Von Gerhard Matzig

 


Als hätte Gott eine Homepage: Die Adresse lautet „www.colani.ch“. Wer sich auf diese Internetseite begibt, der wird von sphärischen Klängen und einem zartblauen Himmel empfangen. Wolken türmen sich auf, schieben sich zu einer weißbauchigen Masse ineinander – und dann scheint ein Titan mit einer Art Riesen-Schneebesen das Himmelsgewölbe in sanft schwingende Entwurfslinien zu teilen. Auf dass Wohlgestalt, Proportion und überhaupt göttliche Ordnung am Firmament entstehe. Ein Gott? Nein, besser noch, es ist sogar Luigi Colani persönlich, der von sich weiß: „Ich bin Schöpfer, aber ich verbessere auch die Schöpfung.“ Himmel, ist das schön.


Dass sich Luigi Colani, der in Berlin 1928 als Lutz getauft wurde, geboren als Sohn eines Tessiner Filmarchitekten und einer Polin, dass sich Colani die Internetpräsentation seiner tausend Projekte und Produkte nach Schöpferart nur im eigenen Universum vorstellen kann, war zu erwarten. Bescheidenheit ist dem „letzten Universalisten“ (Colani) so fremd wie eine gerade Linie und so unangenehm wie eine Tischkante.


Deshalb ist auf seiner Homepage gleich nach dem wolkigen Intro eine Art „Urball“-Urknall zu sehen. Die Erde entsteht, vorbildlich rund, und wird sogleich umkreist von merkwürdig fliegenden Biotec-Wesen, die hauptsächlich eines sind: blubberhaft rund. Zum Beispiel das Flugzeug. Es erinnert an einen Delphin, der mit einem Düsentriebwerk gekreuzt und von einer Seife aufgezogen wurde. Oder die Fotokamera, die so aussieht, als sei es in der Firma Canon an den Fließbändern zu rauschhaften Exzessen gekommen. „Selbst bis in die arterhaltende Erotik“, sagt Colani, „erregen uns runde Formen.“ Und: „Die gerade Linie hat, philosophisch betrachtet, keine Daseinsberechtigung.“


Philosophisch betrachtet müsste Colani eigentlich der Hohepriester aller an der kistenartigen Moderne Leidenden sein. Die von ihm signifikant weich entworfenen, immer flugtauglich aussehenden Dinge, all die Computer-Mäuse, Hubschrauber, Autos, Spektralphotometer, Bügelbretter, Polizeiuniformen oder auch Särge, all dies sind Zeugen einer gewaltig romantischen Sehnsucht. Nach Natur, nach dem Paradies, nach Erotik und Esoterik. Muss man dem Mann dafür böse sein? Nur weil er einen plüschig umgebauten Rolls-Royce fährt und für napoleonisch aufgedunsene Schlösser schwärmt? Eigentlich nicht.


Es ist eher so, dass Colani in der Fachwelt unterschätzt wird – weil er vor allem großspurig und wutschnaubend ist. Es gibt kein Interview von ihm, in dem er nicht die Welt neu erfindet, in dem er nicht den Kollegen, „diesen Deppen“, den Kampf ansagt oder darauf verweist, dass er in Asien (wo er in Shanghai eine Professur inne hat) als „Gottheit“ verehrt werde. Aber man macht es sich zu einfach, wenn man ihn, der sich nie als „Designer“, sondern immer nur als „3D-Philosophen“ bezeichnet, lediglich in jene gestaltgeschichtliche Rund-Ecke verweist, in dem die Blähungen der flokatihaften Siebziger-Jahre-Delirien aufbewahrt werden. Tatsächlich war Colani, ausgebildet in Bildhauerei und in Aerodynamik, seiner Zeit immer ein wenig voraus. Das, was derzeit als „Biomorphologie“, als naturnahe Formfindung in Architektur und Design verhandelt wird, hat außer Antoni Gaudi erstaunlicherweise auch Luigi Colani vorhergesehen. An diesem Samstag wird er 75 Jahre alt.





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Quelle: Flife  
 
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